Texte

Es kommt immer wieder vor, dass ein Künstler sich auch zu verbalen Äußerungen verleiten lässt.

Einige dieser Übungen sollen hier zugänglich gemacht werden.

 

Inhalt:

Einige Aphorismen

Zur künstlerischen Position 

Fassadengestaltung - ein Bildhauertraum 



Einige Aphorismen:

Stil ist kein Selbstzweck.

Modellieren, sei es mit Ton, Gips oder anderen Materialien, kommt immer von innen.

Zeichnen ist freies Phantasieren mit einem Stift.

Eine Plastik muss stark genug sein, den umgebenden Raum mit zu definieren.

Die reale Dimension einer Plastik ist nicht immer identisch mit der inneren Größe. Ein Objekt von der Größe eines Streichholzes kann trotzdem monumental sein.

Form und Oberfläche sind nicht voneinander zu trennen, sie entstehen gemeinsam.

Das Erzählerische hat in der bildenden Kunst nichts verloren, es gehört in den Bereich der Literatur.

Kunst kann nicht anders als radikal sein.

Ein gutes Kunstwerk muss auch nach mehrmaligem Hinsehen noch neu sein.

Nur die reine Kunst ist von Dauer.

Ein Kunstwerk muss aus sich selbst heraus verständlich sein.

Ein falscher Strich kann eine komplette Zeichnung vernichten.

Jeder Strich, jede Geste muss der immanenten Logik eines Werkes folgen.

Beim Zeichnen kann man der Wahrheit nicht entgehen, jeder einzelne Strich muss auf Anhieb sitzen.

Mag der Grundgedanke zu einem Werk noch so abstrus sein, wird er mit Konsequenz zu Ende gedacht, führt er zur Wahrheit.

Mein Bestreben als Bildhauer war es immer, die innere Struktur, die Konstruktion zu verdeutlichen.

Gefälligkeit in der Kunst ist eitel.

Der Gedanke, mich mit Zeitgenossen zu messen ist bei weitem nicht so reizvoll, wie der Vergleich mit alten Meistern.

Die Kunstgeschichte ist wie manch alte Ruine, sie dient als Steinbruch um neues zu erschaffen.

Zeitgemäß zu sein ist einfacher als zeitlos.

 

Zur künstlerischen Position
 

Da ich nicht zu den von Selbstgewissheit strotzenden Personen gehöre, die uneingeschränkt von sich überzeugt sind, ist das Bestimmen der eignen Position ein sehr heikles Unterfangen. Zu meinem Dasein gehört es, mich ständig zu hinterfragen und meine Standpunkte zu überprüfen. Auf so wackeligem Fundament ist nur eine Momentaufnahme möglich. Das bisher Geleistete sehe ich kritisch, da mit jedem neuen Werk auch immer ein gewisser Erkenntnisgewinn einher geht und das bereits Bestehende in neuem Licht erscheinen lässt.

Zur Bestimmung einer Position bedarf es genauer Angaben von Zeit und Ort. Beides ist nur möglich, wenn zur Bestimmung ein Fixpunkt existiert. Nehmen wir also einen imaginären Fixpunkt aus dem Bereich des unseres Kunstverständnisses, der hoffentlich Konsens ist und bewundern das Werk großer Meister. Thutmosis, Praxiteles, Michelangelo, Rodin oder Moore waren Künstler ihrer Zeit. Sie und viele andere sind das Maß, an das ich mich orientieren möchte. Nicht weil ich größenwahnsinnig bin, sondern weil mich ihre Kunst bewegt und weil es mich anspornt. Natürlich kann ich diese Ebene nicht erreichen und bilde mir auch nicht ein, nur halbwegs einem dieser Titanen das Wasser reichen zu können. Aber ihre Kunst erzeugt in mir einen Wunsch nach Intensität und Substanz. Denn wenn auch die oben genannten alle in verschiedenen Epochen lebten und alle ihre eigene Ausdrucksweise hatten, in der Intensität unterscheiden sie sich kaum von einander.

So stellt sich nun die Frage der Zeit und die des aktuellen Bezugs zur Gegenwart. Mit größter Aufmerksamkeit sucht man nach Orientierung, denn die Informationsflut ist erdrückend. Die Anzahl der Reize wird gefiltert durch die individuelle Wahrnehmung. Da wir nicht auf alles reagieren können, greifen wir auf unsere Erfahrungen zurück, die selbstverständlich auch kultureller Prägung sind. Vieles ist neu, manches überraschend, einiges sogar radikal. Unsere Sichtweise ist durch das Gelebte ausgerichtet und auch die Vergangenheit sehen wir zwangsläufig durch die Brille der Gegenwart. Auf diese uns einströmende Informationen reagieren wir (alle unterschiedlich) und entwickeln Emotionen. Diese Emotionen verarbeiten wir dann und versuchen sie in eine uns angemessene künstlerische Sprache umzusetzen.

Viele dieser auf mich einströmenden Reize haben oft die Frage der inneren Strukturen nach sich gezogen. Die Gleichzeitigkeit, die Vielschichtigkeit, das Überlagerte und das ineinander Verschlungene haben meine Fantasie beflügelt. Ich wollte immer mit dem Blick begreifen, durch die Dinge hindurchschauen, Oberfläche und tragendes Gerüst gleichzeitig sehen. Der eine Blick geschmeichelt durch die Sensibilität der Erscheinung, der andere Blick einem Skalpell gleich in das Innere eindringend, aufwühlend, fast zerstörerisch, um auch noch die kleinsten Details in den Eingeweiden zu erkennen.

Und wo bin ich, wo stehe ich? Nun, um ehrlich zu sein, immer wieder vor dem Nichts. Und aus diesem Nichts heraus versuche ich jedes Mal aufs Neue etwas entstehen zu lassen. Das bedachte Hinzufügen von Volumen hat etwas Magisches. Denn obwohl man ja aktiv etwas tut, hat man das Gefühl, dass es mit einem geschieht, als ob meine Hände von dem Zustand des Moments geleitet würden. Es sind wunderbare Stunden der Selbstvergessenheit, die einen vollkommen absorbieren. Nichts dringt mehr von außen an einen heran und eine intensive Beziehung zwischen Werk und Werkelndem entsteht. Man wechselt immer wieder den Blickwinkel und prüft, ob es auch von allen Seiten funktioniert. Es ist ein ständiges Wechseln zwischen Traum und Wirklichkeit. Zum Einen lässt man sich leiten von diesem Zustand des Moments, zugleich spiegeln sich in einem auch die Erfahrungen alles bisher Dagewesenem und Erlebten.

Fassadengestaltung - ein Bildhauertraum
 

 Der Wunsch und der Drang nach klaren Formen in der Architektur war nach der Sahneschlacht an den Fassaden, die Ende des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat, verständlich, doch war dieser Befreiungsschlag der Architekten für einen bedeutenden Teil der Bildhauer verheerend. Nun gibt es natürlich viele andere Aufgabenbereiche für die Bildhauerei, die nicht minder reizvoll sind; der geschulte Psychologe wird hier sofort bemerken, dass es sich um eine Verlegenheitsausrede handelt. Kurz, es stellt sich die Frage, ob in unserer Zeit die Möglichkeit besteht, eine Fassade so zu gestalten, dass plastische Elemente in die Konzeption mit einbezogen werden und ob dies in einer neuen Form geschehen könnte?

 Ich vermag unmöglich für meine gesamte Zunft zu sprechen, will mir dies auch nicht anmaßen, in mir lebt aber der Wunsch nach einer Kulisse, die nicht im Theatralischen liegt, sondern die sozusagen auf der Straße stattfindet. Dabei ist das Theatralische nicht eine Kritik an die Moderne, an das Zeitgenössische, dass sich aus Mangel sein Dekor in den geschlossenen Räumen der Museen und Galerien erschaffen muss, dieses ist auch zum größten Teil gezielt gewollt. Denn dort findet eine Inszenierung der Kunst statt, die neue Horizonte öffnet, unseren Blick bereichert und das ist gut so. Doch der Blick auf den Dom von Siena, die Kathedrale von Straßburg, die Liste ist lang, erweckt in mir unendliche Gefühle der Lust, es den alten Meistern gleichzutun. Diese Ambitionen werden zudem von der Neugier gefördert, ob es überhaupt möglich ist, eine solche Fassade zu verwirklichen.

 Diese Idee widerspricht vollkommen den aktuellen Tendenzen, die dem Credo der Funktionalität unterliegen, und so scheint meine Nostalgie zwangsläufig von einem eher irrationalen Rechtfertigungszwang begleitet. Es ist fast schon ein schizophrenes Phänomen, das der Mensch hier zu Tage legt, zwischen dem ewig nach vorne Streben wollen und dem Drang, das Wissen und die Erfahrungen aus der Vergangenheit herüber retten zu wollen: ein Spagat zwischen Tradition und Fortschritt, es bleibt eine Herausforderung. Zumal in diesem Unterfangen Risiken verborgen sind, die Verbreitung von Giebelchen und Erkerchen waren das falsche Zeichen.

 Ursprünglich waren die Architektur mit der Bildhauerei eng verbunden, doch dann kam der historische Bruch. Der Architekt blieb aber nicht lange allein. Statiker und Ingenieure gesellten sich dazu und so blieb ihm neben der undankbaren Aufgabe des Koordinators und des Schlichters zwischen Bauherr und Generalunternehmer  die Gestaltung, wenn wir einmal von der ewigen Geldknappheit absehen, die inzwischen zum Leitmotiv geworden ist und die den Handlungsspielraum mehr als nötig einschränkt. Aber dieses Lied langweilt.

 Mittlerweile sind bei den Architekten Neigungen vorhanden, die Fassaden etwas aufzulockern. Sie bedienen sich dabei vorwiegend aus der Palette der Baustoffe, denen sie mit Recht ein Eigenleben zugestehen. Ganz ohne Illusion wollen sie aber auch nicht auskommen und inspirieren sich dabei von diversen Elementen der Natur und der Technik. Da wird ein Schiff mitten in die Stadt gebaut, dann wieder ein Gebäude so mit der Umgebung verschmolzen, dass gegeben Linien der vorhandenen Geographie fortgeführt werden. Die neue Kunst des Bauens wirkt gelockerter und die Strenge der Geometrie verschwindet langsam zu Gunsten einer sich neu formenden Kulisse. Das Stadtbild heitert sich auf und wird spielerischer. Doch wenn wir ehrlich sind, bewegen wir uns auf alle Fälle im Bereich der Illusion, sofern wir uns nicht der Banalität preisgeben wollen.

 Mir bleibt der Wunsch nach Dekor. Es muss ja nicht gleich ein Dom sein oder das Frontispiz des Parthenons. Aber ich würde gerne meinen Teil dazu beitragen, um die glatten Fassaden  zu sprengen. Die Verfügbarkeit jeglicher Materialien und Baustoffe, die wahllos an die Wände geklebt werden, sind zum Teil mitverantwortlich, dass die Städte veröden und eine Stadt der anderen gleicht. Das hier auch aus wirtschaftlichen Gründen gehandelt werden sollte, ist nur ein Argument mehr, dass sich Investoren, Architekten und auch Bildhauer gleichermaßen zu Herzen nehmen sollten. Dass es in der Geschichte der Architektur genug Beispiele gibt und darunter auch sehr viel gute, wird wohl hoffentlich niemand leugnen. Die Funktionalität kann auch zur Sklaverei werden, ein allzu unterdrückter Spieltrieb ist in seinen Folgen kaum absehbar.

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